Konjunkturkrise als Dauerzustand
19.05.2026 Regensburg.Die regionale Wirtschaft leidet unter Kostensteigerungen und versucht gegenzuhalten, das zeigt der aktuelle Konjunkturbericht der IHK.
Die Folgen des Konflikts im Nahen und Mittleren Osten würgen den vorsichtigen Aufwärtstrend der regionalen Konjunktur vom Jahresbeginn ab. Das ergibt der heute erschienene Konjunkturbericht der IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim. An der Umfrage nahmen 275 Unternehmen aller Größen und Branchen teil. „Die Firmen in der Oberpfalz und dem Landkreis Kelheim stemmen sich gegen die anhaltenden Krisen“, sagt IHK-Präsident Christian Volkmer. So bewerten 28 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage noch als gut, weitere 53 Prozent als zufriedenstellend. Nur 19 Prozent verzeichnen eine schlechte Situation.
„Seit 2019 befinden sich die heimischen Betriebe im Dauerkrisenmodus. Auf eine schwächelnde Industrie folgte die Pandemie, dann der Ukraine-Krieg und nun geopolitische Spannungen im Nahen und Mittleren Osten“, zählt Volkmer auf. Das verschärfe bestehende Probleme: Erhöhte Rohstoff- und Energiepreise, besonders bei Kunststoffen und Kraftstoffen, belasten alle Branchen und Wertschöpfungsketten. Nicht alle Unternehmen können diese Kostensteigerungen durch Vertragsklauseln oder schnelle Preisanpassungen an ihre Kunden weitergeben. „Die Unternehmen brauchen dringend ein umfassendes Entlastungspaket. Dazu zählen niedrigere Unternehmenssteuern, Lohnnebenkosten sowie Energiepreise. Notwendig sind darüber hinaus schnellere und schlankere Verfahren in allen Bereichen.“ Volkmer betont: „Ein nachhaltiger Aufschwung wird nur stattfinden, wenn Unternehmensinvestitionen den Standort dauerhaft wettbewerbssicher machen.“
„Angesichts der zahlreichen Schocks halten sich Teile des Wirtschaftsstandorts wacker“, beobachtet IHK-Konjunkturexpertin Sibylle Aumer. Über ein Viertel aller Befragten verzeichnet eine gestiegene Kapazitätsauslastung trotz der enormen Kostenbelastungen. „Diese Widerstandskraft kann sich in der gesamten Breite der Wirtschaft nur durch die richtigen Rahmenbedingungen und Planungssicherheit entfalten“, fügt Aumer hinzu.
Industrie festgefahren
In der regionalen Leitbranche Industrie setzt sich der leichte Aufwärtstrend zum Jahreswechsel nicht fort. 34 Prozent der Befragten berichten von spürbaren Lieferkettenengpässen, etwa durch fehlende Vorprodukte infolge der Blockade der Straße von Hormus. Das entspricht einer Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Dramatisch ist der Geschäftseinbruch im Handel. Die Baubranche indes verlässt die Talsohle. Der Dienstleistungsbereich kommt trotz zunehmend negativer Lage noch am besten weg. Die Tourismusbetriebe erwarten eine gute Sommersaison.
Exportwirtschaft rückläufig
Während der Auslandsumsatz in den ersten Monaten des Jahres gestiegen ist, zeigt sich ab April ein rückläufiges Auftragsvolumen außerhalb Deutschlands. 58 Prozent der Exportunternehmen konnten ihr Exportniveau halten. Die unplanbare Zollpolitik der USA und außenpolitische Unwägbarkeiten führen zu erheblichen Schwankungen bei Aufträgen aus Nord- und Mittelamerika, Osteuropa und der Türkei.
Bei den Zollhürden hat sich der Anteil erheblich beeinträchtigter Industriebetriebe seit Herbst 2025 von 22 auf elf Prozent halbiert. Insgesamt berichten zwar 44 Prozent von negativen Auswirkungen. Vor allem die Industrieunternehmen reagieren jedoch zunehmend routiniert auf neue Zollregelungen.
Die Erwartungen für die nächsten Monate mit Blick auf chinesische und asiatische Märkte bleiben rückläufig. Erfolgreich bleiben die Exportunternehmen, die mit mehreren Zielländern breit aufgestellt sind. „Wir sind diversifiziert in Produkten, Industrien und Regionen. Durch diese Risikostreuung können wir Marktschwankungen besser ausgleichen“, sagt Umfrageteilnehmer Jürgen Walther, Werkleiter und Mitglied der Geschäftsführung bei der SUSPA GmbH in Sulzbach-Rosenberg. Das Unternehmen produziert Gasdruckfedern, Dämpfer, Höhenverstellungen sowie Crash- und Sicherheitssysteme für viele Branchen von der Möbel- bis zur Automobilindustrie und setze dabei immer mehr „local für local“.
Investitionsklima kühl
Nur 15 Prozent der Industrieunternehmen wollen derzeit im Inland investieren. Das ist ein Tiefpunkt seit der Coronakrise 2020. Aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Lage sinken Pläne für Auslandsinvestitionen auf 43 Prozent. Wegen der Kostenbelastungen konzentrieren die Firmen ihre Budgets auf Ersatzbedarf und Rationalisierung. Immerhin möchte ein Drittel der Auslandsinvestoren seine Kapazitäten ausbauen. „Über alle Branchen gesehen bleibt das Investitionsklima kühl“, sagt Konjunkturexpertin Aumer.
Das bestätigt auch ein befragtes Planungsbüro: Die Investitionsbereitschaft in der Privatwirtschaft geht zurück, vor allem im industriellen Umfeld. Wir verlagern unsere Projektakquise aktuell bewusst Richtung öffentliche Hand und Stromversorgungsprojekte. Mit Aufträgen aus der Automobilindustrie läuft es derzeit bei uns noch gut, wir sind aber schon darauf eingestellt, dass das weniger wird“, weiß Reinhard Zott, Geschäftsführer der Varoplan GmbH in Abensberg, einem Dienstleister im Bereich der Elektroplanung für komplexe Hochbauprojekte.
Trübe Aussichten
„Unkalkulierbare politische Entscheidungen und Kostensteigerungen erschweren unternehmerische Entscheidungen. Die Firmen sind frustriert, ihnen fehlt eine langfristige Perspektive“, sagt IHK-Präsident Volkmer. 54 Prozent der Befragten spüren direkte Auswirkungen durch die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung. Von denen wiederum berichten 34 Prozent über konkrete Nachteile. Das zeige laut Volkmer: „Die Entlastung der Bürger ist wichtig für die Konsumlaune, sie darf aber nicht zu Lasten der Betriebe gehen.“ Die IHK erwartet, dass die aktuellen Preisschocks teilweise erst in den nächsten Monaten voll auf alle Wirtschaftsbereiche durchschlagen.
Mit Ausnahme der Bauwirtschaft und des Tourismus prognostizieren alle Branchen angesichts schlechter Erwartungen einen Mitarbeiterrückgang. Damit verharren die Beschäftigungspläne seit Anfang 2024 insgesamt im negativen Bereich.
„Die IHK-Organisation fordert angesichts der kritischen Lage von der Bundesregierung rasche Entlastungen“, schließt Volkmer. Die bereits beschlossenen Steuersatzsenkungen für Unternehmen sollten auf den 1. Januar 2027 vorgezogen werden. Die längst versprochene Senkung der Stromsteuer sollte für alle stehen. Wichtig sei eine zügige Reform der Einkommensteuer, welche kleine und mittlere Einkommen entlastet, dies jedoch nicht durch eine stärkere Besteuerung höherer Einkommen. Bei der Gesundheitsreform sollten versicherungsfremde Leistungen über den Bundeshaushalt finanziert werden. Und jetzt sollte das Infrastruktur-Zukunftsgesetz auch wirklich verabschiedet werden, damit das Milliarden-Investitionspaket überhaupt wirken kann.
Kurz und kompakt
- Finanzierungszugang: 34 Prozent der Unternehmen benötigen derzeit keine externe Finanzierung. Der Anteil mit gutem Kreditzugang ist seit 2025 von 34 auf 26 Prozent gesunken
- Kostenerhöhungen lassen Eigenkapital schmelzen
- Ein Drittel der Unternehmen verspürt bereits konkrete negative Auswirkungen der neuen Bundesregierung auf den Geschäftsbetrieb; Wirtschaft fordert Reformen und Entlastungen durch Steuer, Abgaben- und Energiepolitik
- Politische Rahmenbedingungen als Risikofaktor: Seit Herbst 2024 wieder deutlich angestiegen – 66 Prozent sehen die wirtschaftliche Entwicklung dadurch gefährdet
- Risikofaktor Energie- und Rohstoffpreise in der Industrie: Angaben steigen mit 80 Prozent auf höchsten Wert seit Ukraine-Krise


























